Historische Nutzfahrzeuge: Mit Flachriemen und Ritzelantrieb

Historische Nutzfahrzeuge: Mit Flachriemen und Ritzelantrieb
13.
März 2013
Stuttgart
  • Daimler-Lastwagen 4 PS von 1899 – einer der allerersten Urahnen des neuen Mercedes-Benz Atego
  • Mit Zweizylinder und Phoenix-Motor im Dienst der Wasserwerke Stuttgart
  • Odyssee nach der Auslagerung 1944
  • Seit 1991 wieder im Bestand des Werks Untertürkheim
  • Erster Lastwagen mit Kardanwelle
Stuttgart – Ein Urahne des neuen Mercedes-Benz Atego ist der „Daimler-Lastwagen 4 PS“ von 1899. Er ist die dritte Version des weltweit ersten Lastwagens von 1896. Die erste Zündung im Lastwagen, damals noch mit Benzin aus der Apotheke, war gerade mal drei Jahre zuvor in Bad Cannstatt erfolgt, wo Gottlieb Daimler vor 117 Jahren seinen Motorwagen für das Transportgewerbe baute. Noch anno 1909 gab es Benzin nur in Apotheken, Drogerien, Fahrradhandlungen oder Gaststätten. Der erste Motorlastwagen sah aus wie ein Pferdefuhrwerk ohne Deichsel. Sein Motor mit einem Liter Hub­raum war am Heck aufgehängt und trieb über ein Riemengetriebe die Hinter­räder an. Er hatte zwei Zylinder, die in einem Block gegossen waren, und war im Bauprinzip der Phoenix-Motor, der schon Daimlers Personen-Motorwagen bewegte. Hier hat Daimlers kongenialer Partner Wilhelm Maybach der Nach­welt vorgemacht, wie Motoren gebaut werden.
Über das Riemengetriebe wurde eine quer zur Längsachse des Wagens angelegte Welle angetrieben, an der beiderseits Ritzel aufgesetzt waren. Diese griffen jeweils in die Innenverzahnung eines Zahnkranzes ein, der mit dem anzutreibenden Rad fest verbunden war. Diese Lösung war geradezu visionär und kann im technischen Prinzip als Vorgängerin der Jahrzehnte später eingeführten Außenplanetenachse gelten. Diese Achsen spielen eine große Rolle bei Allrad-Fahrzeugen für die Baustelle und werden heute im Mercedes-Benz-Werk Gaggenau gebaut. Das Prinzip besteht darin, dass im Antriebsstrang das stärkste Drehmoment dort aufgebaut wird, wo es möglichst nahe am Kraftansatz wirkt, nämlich dort, wo die Kraft vom Rad auf die Fahr­bahn übertragen wird.
Die Eintragung im Wagenbuch der Daimler-Motorengesellschaft, Cannstatt, vom 1. Oktober 1896 lautete: „Motor-Lastwagen Bestell-Nr. 81, Fahrzeug Nr. 42, 4 PS Zweizylinder-Motor, Gewicht des kompletten Wagens 1.200 kg zur Beförderung von 1.500 kg, Factura British Motor Syndicate Ltd. London.“ Hiermit wurde der erste von einem Verbrennungsmotor angetriebene Last­wagen der Welt der kommerziellen Verwendung zugeführt. Bestellt wurde der Lkw am 19. Februar 1896.
Motor am Heck wurde als störend empfunden
Das Vehikel mag dem Duo Daimler/Maybach selber nicht gefallen haben, denn sie bauten noch im gleichen Jahr einen weiteren Motorlastwagen. Der am Heck aufgehängte Motor des ersten Modells war zumindest beim heckseitigen Beladen hinderlich. So wurde er beim zweiten Modell am Fahrzeugrahmen unterhalb des Fahrersitzes angebaut. Ein Jahr später wurde der Motor in den Wagenbug über die Vorderachse gesetzt - eine Architektur, die bis heute ihre Gültigkeit behalten hat.
Ein Vertreter dieser Gattung ist der „ Daimler-Lastwagen 4 PS“ von 1899. Laut erhaltener Notiz im Kommissionsbuch vom 12.April 1899 ging er an die „Staedt. Wasserwerke Stuttgart“. Ein Foto, das unmittelbar nach der Aus­lieferung an der Unterführung neben dem Cannstatter Bahnhof entstand, gibt einen Eindruck aus jener Zeit: Vorne auf dem offenen Bock saß der Chauffeur, hinten auf der Pritsche stand ein Werker, neben sich einen riesigen Schraub­stock und daneben eine Vorrichtung zum Schneiden von Rohren und Gewinden, mithin die wichtigsten Utensilien beim Verlegen von Wasserrohren, die seinerzeit durchweg aus Metall bestanden.
Laut Beschreibung war der Daimler-Lastwagen mit „2- oder 4-Cylinder-Motor“ und nunmehr auch mit „Elektrischer Zündung“ zu haben. Die damals übliche „Glührohrzündung“, die mittels Holzspan zu entflammen war, hatte nicht selten den Nebeneffekt, dass anschließend das Antlitz geschwärzt und der Blick getrübt war. Die Leistungen dieser Liefer- und Geschäftswagen, wie sie auch genannt wurden, lagen bei 4, 6, 8 und 10 PS. Die Lasten der Wagen wurden mit 1 500, 2 000, 3 750 und 5 000 Kilogramm beziffert. „Die Räder erhalten eiserne Reifen“, heißt es lapidar in der Beschreibung. Man kann sich kaum vorstellen, wie die Geräuschentwicklung auf dem damals üblichen Kopf­steinpflaster war. Deutlich erkennbar sind auf dem Foto auch die Bremsklötze aus Holz an den Hinterrädern.
„Der erste Lastwagen war mit einem Riemenantrieb auf die Hinterräder aus­gestattet; das funktionierte aber nicht für den Transport schwerer Lasten“, erinnerte sich im Jahr 1950 Meister Hugo Rettich, der 1896 zu Daimler ge­kommen war. „ Also verlegte man den Riemenantrieb nach vorn“. „Für den Fünftonner“ , so Meister Rettich weiter, „wurde der 10-PS-Zweizylinder-Phoenix-Motor mit Glührohrzündung eingebaut, der Antrieb auf die Hinter­räder erfolgte über erwähnte Flachriemen und Ritzel“.
Kundenerprobung schon damals eine Daimler-Maxime
Schon Gottlieb Daimler erkannte den Wert der Kundenerprobung: „Dieser Wagen wurde 13 Wochen in einem Ziegeleibetrieb in Heidelsheim bei Bruchsal ausprobiert, die dabei aufgetretenen Mängel sofort beseitigt und der Wagen noch leistungsfähiger gemacht.“ Kaiser Wilhelm II scherte das wenig: „ Das Auto hat keine Zukunft. Ich setze auf das Pferd“, meinte er 1904. Gottlieb Daimler hingegen versprach schon damals: „Auf meine Lastwagen können Sie sich verlassen“. Heute heißt das international auf Englisch: „Trucks you can trust“.
Der „Daimler-Lastwagen 4 PS“ jedenfalls, leistete den Städtischen Wasser­werken Stuttgart von 1899 bis 1923 treu und brav seine Dienste. Die Last­wagen wurden stärker und vielfältiger. Speziell nachdem Kaiser Wilhelm und sein Kriegsministerium Interesse an den Motorlastwagen zeigten, erfolgte ein kräftiger Entwicklungsschub.
Nach 24 Jahren ersetzten die Wasserwerke Stuttgart den Lastwagen durch ein neueres Modell und gaben ihn 1923 an Daimler zurück, wo er in den Museumsbestand eingegliedert wurde. Als 1944 die Bombeneinschläge in Untertürkheim näher kamen, wurde ein Teil des Museumsbestandes nach Dresden ausgelagert. In der nachfolgenden Besatzungszeit und erst recht als der „Eiserne Vorhang“ Ost und West spaltete, scheiterten sämtliche Rückhol­versuche der Stuttgarter – auch auf höchster Ebene. Auch Tauschversuche in den 70er-Jahren waren erfolglos.
Erst nachdem 1989 die Mauer fiel, gelang es der Daimler-Benz AG in zwei­jährigen Verhandlungen, 1991 einen Vertrag mit dem Freistaat Sachsen zu schließen und 16 historische Fahrzeuge, darunter den „Daimler-Lastwagen 4 PS“, nach 63 Jahren in den Museumsbestand zurückzuholen.

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    Daimler-Lastwagen 4 PS von 1899 – einer der allerersten Urahnen des Mercedes-Benz Atego
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