Das Bordwerkzeug: Mercedes-Benz Museum Inside Nr. 17/2020

16.10.2020
Stuttgart
  • Chauffeure mit fundierten Kenntnissen von Mechanik und Elektrik
  • Heutige Fahrzeuge haben sehr lange Wartungsintervalle
  • „33 Extras“: Exponate der Automobilkultur im Mercedes-Benz Museum

Stuttgart. 160 Fahrzeuge und insgesamt 1.500 Exponate präsentiert die vielfältige Dauerausstellung des Mercedes-Benz Museums. Ein besonderer Bestandteil sind die „33 Extras“: Sie lassen am Beispiel oft überraschender Details Mobilitätshistorie und Automobilkultur lebendig werden. Die Newsletter-Reihe Mercedes-Benz Museum Inside lenkt den Blick auf die „33 Extras“ und bringt ihre Geschichten auf den Punkt. In der heutigen Folge geht es um das Bordwerkzeug.

17/33: Das Bordwerkzeug

1 – Hilfsausstattung: Hand aufs Herz – wo im eigenen Fahrzeug befindet sich das Bordwerkzeug? Genau. Da müssen viele erst überlegen. Auch, ob das Auto überhaupt Werkzeug hat. Und was man damit tun könnte, wenn ein Pannenfall eintritt.

2 – Standard: Das ist früher anders. Vorbereitungs- und Wartungsarbeiten sowie Reparaturen gehören zum Autofahren dazu, und der Fahrer hat fundierte Kenntnisse von Mechanik und Elektrik seines Wagens. Die Ausstattung ist umfangreich – und das Werkzeug stets griffbereit. Dafür sorgen teilweise spezielle Halterungen im Kofferraum. Diese gibt es beispielsweise in den Oberklasselimousinen der Baureihen W 108 und W 109. Dort wird die Stofftasche mit dem Bordwerkzeug am Radschlüssel hängend aufbewahrt. Und Fritz Nallinger, von 1941 bis 1965 Vorstandsmitglied der damaligen Daimler-Benz AG, erinnerte sich lebhaft an die Werkzeugkiste im Automobil seiner Eltern. Darin musste er nämlich als kleiner Junge zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts bei der Sonntagsausfahrt manchmal Platz nehmen – zwischen Schraubenschlüsseln, Ölkannen und Ersatzteilen.

3 – Selbst ist die Frau: Als Bertha Benz im August 1888 mit ihren beiden Söhnen von Mannheim aus die erste Fernfahrt eines Automobils mit dem von ihrem Ehemann erfundenen Patent-Motorwagen bestreitet, sind die drei komplett auf sich selbst gestellt. Die Fahrt läuft gut, doch das Fahrzeug, aus heutiger Sicht ein Prototyp, beschert die eine oder andere Panne. Jede könnte das Ziel vereiteln, am Abend Pforzheim zu erreichen. Doch Improvisation und Geschick räumen die Hindernisse aus dem Weg. Sogar Berthas Hutnadel wird zum Werkzeug, damit reinigt sie eine verstopfte Benzinleitung.

4 – Kenntnisreich: Schon wenige Jahre später verbreitet sich das Automobil als Verkehrsmittel immer mehr. Die ersten Chauffeure sind entweder ausgebildete Mechaniker, oder sie erhalten im Werk des Herstellers neben der Fahrausbildung eine ausführliche Schulung in Mechanik und Elektrik. Danach können sie alle Arbeiten ausführen. Die Technik dankt eine regelmäßige Wartung. Wer zuverlässig ans Ziel kommen will, muss sie kennen, um mit vorausschauenden Arbeiten Pannen zu vermeiden oder um diese schnell zu beheben.

5 – Mobile Werkstatt: Die Schraubenschlüssel für die üblichen Arbeiten und weitere Utensilien stellt der Fahrzeughersteller gezielt zusammen – das Bordwerkzeug. Es wird beispielsweise in eine Tuchtasche eingerollt oder hat seinen Platz in einem Behältnis mit maßgenauem Einsatz. Diese Grundausstattung kann bei vielen Baureihen über den Zubehörkatalog zum opulenten Werkzeugsatz erweitert werden. Noch in den 1960er-Jahren gehören zum Beispiel auch Fettpressen für das Fahrwerk zum Angebot.

6 – Profiausführung: Das Bordwerkzeug der „33 Extras“ im Mercedes-Benz Museum stammt aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts. Die Schlüsselweiten sind gewaltig und daher für das Fahrwerk vorgesehen, um beispielsweise Nabendeckel zu lösen oder an Radlagern und Achsen zu arbeiten. Dass einige Schlüssel zweimal vorhanden sind, deutet auf gekonterte Schraubverbindungen hin – auf gegeneinander angezogene Muttern, um ein unverhofftes Lösen zu verhindern. Aber dass sie vergleichsweise kurz sind, legt nahe, dass zusätzlich das Universalwerkzeug schlechthin an Bord war: der Hammer.

7 – Anleitung: Nicht nur das Werkzeug ist umfangreich. Frühere Bedienungsanleitungen sind ebenfalls sehr ausführlich und beschreiben im Detail zahlreiche Arbeiten am Fahrzeug – aus heutiger Sicht fast schon Werkstatthandbücher. Oldtimerfans schätzen diese Druckwerke heute sehr, denn sie erhalten hier genaue Anweisungen zum Umgang mit ihrem Fahrzeug. Als authentischer Bestandteil eines Klassikers sind die Anleitungen so gesucht wie originale Bordwerkzeugsätze.

8 – Schnelle Hilfe: Über die Jahrzehnte verringert sich die Bedeutung des Bordwerkzeugs: Die Fahrzeuge werden immer zuverlässiger, die Wartungsintervalle länger und das Kundendienstnetz wird dichter. Außerdem gibt es Notrufnummern, um im Pannenfall Hilfe zu rufen. Mercedes-Benz bietet in Europa beispielsweise das Customer Assistance Center, das an 24 Stunden am Tag, sieben Tagen die Woche und 365 Tagen im Jahr die Mobilität sichert. So schrumpfen die Werkzeugsätze, und die Bedienungsanleitungen gehen nicht mehr so stark in die Einzelheiten.

9 – Reifendruck und Durchblick: Heute nimmt man kaum selbst noch Wartungsarbeiten am Fahrzeug vor. Die Langzeitqualität der Fahrzeugkomponenten sowie deren regelmäßige Inspektion in der Fachwerkstatt ist eine vorzügliche Pannenvorbeugung. Doch beispielsweise das Prüfen des Luftdrucks oder das rechtzeitige Nachfüllen von Wischwasser bleiben wichtig und können unliebsame Überraschungen vermeiden. Damit es so ist, wie es sein soll: allzeit gute Fahrt!

Mercedes-Benz T-Modell der Baureihe 123 als Servicefahrzeug. Foto aus dem Jahr 1978.
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Internationales Avus-Rennen in Berlin, 26. Mai 1935. Werkzeugkasten der Mercedes-Benz Rennabteilung.
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Das Bordwerkzeug: Moderne Fahrzeuge sind sehr zuverlässig und erfordern kaum noch Wartungsarbeiten. Der Werkzeugsatz aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts ist eines von „33 Extras“ im Mercedes-Benz Museum.
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